Wundermittel Lästerstunde, es geht weiter
Mittwoch, den 20. Februar 2008Heute habe ich mich mal nicht im Internet umgeschaut, sondern in den vielen Zeitschriften, insbesondere für Frauen. Immer, wenn ich in einen Lottoladen gehe, lachen mich mindestens 10 Zeitschriften an, auf denen so nette Dinge stehen wie “Die sensationelle Frühlingsdiät, 4 Pfund in einer Woche weg” oder “Ich habe 98 Pfund in 8 Monaten abgenommen”.
Bei Überschriften wie der letzten denke ich: “Toll, wieder jemand, der es geschafft hat. Aber warum ist erfolgreiches Abnehmen so selten, dass es für die Titelseite reicht?” Wenn ich das mal hochrechne, 10 Zeitschriften pro Woche mit je einem erfolgreichen Diätler ergibt 520 Jetzt-Schlanke. Selbst wenn ich die berühmte Dunkelziffer auf 100% setze, sind das noch immer nur 52.000 Menschen, die eines ihrer Ziele, das Schlanksein, erreicht haben. Nicht gerade viel bei öffentlich bezifferten 40 Millionen übergewichtigen Deutschen.
Einer der Gründe für das Versagen von Diäten sind auch eben diese Zeitschriften. Ist letzte Woche noch die Kohlsuppendiät in den Himmel gehoben worden, kommt diese Woche in der gleichen Zeitschrift ein Wissenschaftler zu Wort, der mit fundierten Erkenntnissen und Fremdwörtern über den menschlichen Stoffwechsel und Hormonhaushalt nur so um sich schmeisst und ein vernichtendes Urteil zu dieser Diät gibt. Verwirrung pur - der gesund leben wollende Leser bricht natürlich sofort das Kohlsuppenessen ab und stürzt sich auf neue angepriesene Diäten oder auf eines der vielen Wundermittel, die ihn im Großformat entgegenspringen.
Viele dieser Produkte werden in Apotheken gehandelt und/oder als Medizinprodukt verkauft, was dem Käufer das Gefühl der Seriösität und medizinischen Wirksamkeit gibt. Wikipedia definiert Medizin so: Die Medizin (von lateinisch ars medicina, Heilkunst) ist die Lehre von der Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten und Verletzungen von Menschen und Tieren und mit der Wiederherstellung der bestmöglichen Gesundheit.
Eines dieser Medizinprodukte ist Kilocontrol - Frühjahrsputz für den Winterspeck. In großen Buchstaben macht mich dieser Text auf die Anzeige im A4-Format aufmerksam.
Avitale Kilocontrol Kapseln binden bestimmte Fette in der Nahrung durch den natürlichen Ballaststoff Chitosan. Diese Verbindung wird auf natürlichem Wege vom Körper ausgeschieden. Diese Kalorien aus den gebundenen Fetten stehen dem Energiehaushalt des Körpers nicht mehr zur Verfügung. Gemeinsam mit sportlichen Aktivitäten und einer Reduktionsdiät können Avitale Kilocontrol Kapseln somit die Behandlung von Übergewicht unterstützen.
Prima, ich wiederhole mich ja gern. Wieso soll ich bei einer Reduktionsdiät und ausreichend Sport noch Geld für irgendwelche Kapseln ausgeben? Reduktionsdiät heisst üblicherweise nicht nur weniger Kalorien, sondern auch weniger Fett. Fett benötigt unser Körper u.a. als Isolator gegen Kälte, als Schutzpolster für Organe und das Nervensystem und als Lösungsmittel für fettlösliche Vitamine. Ausserdem vermag, nach meinem Wissenstand, Chitosan nicht zwischen guten und schlechten Fetten zu unterscheiden. Die lebensnotwendigen, essentiellen Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren würden dann genauso mit gebunden und ausgeschieden. Also wenn ich wenig Fett aufnehme, muss ich das wenige Fett nicht auch noch binden. Wenn ich Sport treibe, wird das Nahrungsfett als Energiespeicher in den Muskeln angelegt, nicht als Fettdepot. Wer fettarm isst und sich öfters bewegt, kann mit dem für das Nicht-Kaufen von Kilocontrol gespartem Geld die neuen Klamotten eine oder zwei Größen kleiner finanzieren.
Die nächste Anzeige ist ein Nahrungsergänzungsmittel:
C.L.A.+T . Wunschfigur auch nach dem Urlaub! Mit C.L.A.+Grüner Tee können Sie Ihre Fettverbrennung steigern. Klinische Studien beweisen, dass bei regelmäßiger körperlicher Betätigung CLA das Körperfett deutlich reduziert und gleichzeitig die Muskelmasse aufbaut. Der Grüne Tee regt den Stoffwechsel an und wirkt somit synergetisch.
Das klingt ja toll. Wikipedia: Die Synergie (griechisch synergismós - die Zusammenarbeit; von syn= zusammen und érgon= das Werk) bezeichnet das Zusammenwirken von Lebewesen, Stoffen oder Kräften im Sinne von sich gegenseitig fördern. Auf deutsch heisst das also nichs anderes, als das Grüner Tee die Wirkung von CLA fördern soll. Beide Mittel sind übliche Inhaltsstoffe von Schlankheitspillen und im Lexikon aufgeführt.
Im übrigen weiß ja nun wirklich Jeder, dass körperliche Betätigung Körperfett reduziert und Muskelmasse aufbaut. Wer regelmäßig Sport treibt, kann auf solche Pillen getrost verzichten. Wer sich nicht bewegen mag, wird auch mit diesem Wundermittel nicht abnehmen.
Jeder kann abnehmen - Auch Sie! Bis zu 15 Kilo einfach weg, ohne Diät in nur 1 Monat. Da ist es endlich, dass Allheilmittel für 40 Millionen Deutsche.
Fett abbauen - satt werden - schafft jeden Tag 1 Pfund. EasySlim 24 vor dem Schlafengehen eingenommen, regt die Fettverbrennung an und sorgt für gesundes Abnehmen. Warum nehmen manche Menschen mehr und schneller zu als andere? Die Antwort: weil Verdauungsenzyme fehlen, um die fettverbrennenden Aminosäuren zu erzeugen. Ohne die Aminosäure Lysin wird im Körper kein L-Carnitin hergestellt, ein Transport-Molekül für Fettsäuren ohne dessen Hilfe ein Fettabbau unmöglich wäre.
Das nenn ich mal eine super Verdrehung von Tatsachen. Richtig ist, dass der menschliche Körper aus Lysin und Methionin L-Carnitin bilden kann. Verschwiegen wird, dass L-Carnitin mit der Nahrung, vorwiegend aus Fleisch, aufgenommen wird. Eine künstliche Zufuhr ist nicht notwendig, überschüssiges Carnitin wird ausgeschieden. Auch in Fisch, Gemüse, Obst und Milchprodukten ist Carnitin, in geringeren Mengen, enthalten.
Lysin ist eine essentielle Aminosäure, d.h. unser Körper kann sie nicht selber bilden. Daher muss Lysin mit der Nahrung aufgenommen werden. Ein Erwachsener benötigt etwa 14 mg Lysin pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Das ergibt z.B. für mich etwa 800 mg Lysin täglich. In folgenden Lebensmitteln sind je 100 g folgende Mengen an Lysin enthalten: Parmesan-Käse 3170 mg, Thunfisch 2210 mg, Garnelen 2020 mg, Schweinefilet 2120 mg, Rinderfilet 2020 mg, Weizenkeime 1900 mg, Sojabohnen 1900 mg, Linsen 1890 mg, Huhn 1790 mg, Erdnüsse 1100 mg. Mir reichen demzufolge 26 g Parmesan, 38g Schweinefleisch oder 72 g Erdnüsse, um den Tagesbedarf zu decken. Lysin durch Pillen zuzuführen ist also vollkommen überflüssig.
Fazit: Was als Medizinprodukt (in Bezug auf Reduktion des Körpergewichtes) verkauft wird, bekommt keine Zulassung als Nahrungsergänzungsmittel, weil dieses die Nahrung nur ergänzen, nicht aber deren Verwertung behindern darf (z.B. Fettblocker). Und Nahrungsergänzungsmittel sind bei ausreichend Bewegung und bewusstem Umgang mit dem Essen (meistens) überflüssig.






