Die üblichen Panschereien und Tricks bei Lebensmitteln finden langsam Beachtung in den Medien. So gab es den ersten Bericht über den Analogkäse hier im Blog bereits im September 2008. Richtig öffentlich wurde dieser Schummelkäse jedoch erst im Frühjahr 2009. Eine Welle der Empörung bei den Verbrauchern - dabei hatten alle in dieser Zeit mit Sicherheit schon diesen Käse unwissentlich konsumiert.
Ähnlich verhält es sich mit anderen Lebensmitteln, sei es das Vanilleeis, dass keine Vanille enthält oder der Früchtejoghurt mit einer ganzen Erdbeere pro Becher. Nun ist der nächste Aufreisser da: der Mogelschinken.
das-ist-drin.de schreibt dazu, dass es sich bei dem Mogelschinken um ein schnittfestes Stärke-Gel handelt, in das kleine Fleischstücke eingebettet sind.
Auch scienceblogs.de widmet einen Artikel diesem “kulinarischen Genuss” und liefert Zahlen, wieviele der Proben, die die hessischen Lebensmittelkontrolleure seit 2006(!) untersucht haben, beanstandet wurden.Warum diese Lebensmitteltricks funktionieren, wird am Ende auch ganz einfach erklärt: “Ein Blick in die Speisekarte genügte eigentlich schon, um gewarnt zu werden, denn dort wurden Pizzen und Nudelgerichte zwischen 3 und 4 Euro angeboten. Welcher Wirt kann zu solchen Preisen Qualität liefern? In der Gruppe, mit der ich unterwegs war, lösten die Preise allerdings Begeisterung statt Bedenken aus…”
Noch weiter zurück geht ein Sprecher des bayerischen Verbraucherschutzministeriums: “… die Qualität dieser Pizzagrundstoffe seit 1993 stetig und auf ein mittlerweile sehr niedriges Niveau gesunken ist.” nahrungsmittel-blog.de
Herrlich erfrischend ist die Betrachtungsweise des Kolumnisten Hans Zippert bei debatte.welt.de. “Schinkenimitate gelten als aktiver Beitrag zum Tier- und Klimaschutz, weil sich aus einem Schwein jetzt dreimal so viel Schinken wie bisher gewinnen lässt.”
Sehr pragmatisch sieht das Horst Klier von leben-ohne-diaet.de: “Abfälle zu billigen Lebensmitteln zu verarbeiten ist nicht neu. Es ist nicht verboten. Das ist der Standard, den unsere Nahrung erreicht hat. Das Einzige was die Sache überhaupt hochkochen lässt, ist nur die falsche Kennzeichnung. Eine Kleinigkeit, die vom eigentlichen Problem doch nur ablenkt.”
Dem kann ich mich nur anschliessen. Unsere Supermärkte sind voll von minderwertigen Lebensmitteln. Der Verbraucher regelt den Markt durch Nachfrage - und offensichtlich will die Mehrheit der Verbraucher solche Lebensmittel. Viele dieser “kleinen” legalen Verbrauchertäuschungen finden sich hier in den Lebensmittelnews.
Um das Sommerloch mit Berichten zu füllen, spriessen jetzt die Beiträge zu Lebensmittel-Schwindeleien aus dem Boden. Manche der nachfolgend genannten Portale beschäftigen sich das ganze Jahr mit diesem Betrug am Verbraucher und sollten in keinem Feed-Reader fehlen. Andere nutzen den momentanen Aufschrei, um eine Schlagzeile zu bekommen. Die Liste der Mogeleien ist lang, aber vor allem: nicht neu. Viele der bemängelten Produkte gibt es seit Jahren zu kaufen.
Über den faulen Fruchtzauber in der Capri-Sonne berichtet abgespeist.de.
Foodwatch.de prangert gleich einige Lebensmittel an: die bereits erwähnte Capri-Sonne, Bertolli Pesto Verde, Nestle Fitness Fruits, Ferrero Kinder-Riegel, Langnese Milchzeit (Eis), Bauer Biene Maja-Joghurt, Danone Actimel, Nestle Maggi Natur Pur Bio Frühlingsgemüsesuppe und und und. Die gesamte Liste hier: foodwatch.de
Auch SPON nennt einige überraschende(?) Produkte: Wasabi Erdnüsse (Bahlsen), die kein Wasabi enthalten; Mini-Kekse Bolde (Delacre), die statt einer Schokoladenfüllung eine Kakaocremefüllung mit Schokoladen-Imitat haben; Bio-Vollkorntoast-Brötchen (Proback), die nur zu 60 % aus Vollkornmehl bestehen (vorgeschrieben sind 90 %). spiegel.de
Konsumpf.de setzt sich mit dem Surimi auseinander. Eigentlich heisst das auf japanisch “zermahlenes, gehacktes Fleisch”. Was der Käufer bekommt, ist Fischmuskeleiweiß mit Aromen, Farbstoffen, Konservierungsmitteln und Hühnereiweiß. Fazit von konsumpf: Selbst in Fischstäbchen steckt mehr Natur.
Die Verbaucherzentrale Hamburg, die ebenfalls eine lange Liste von Verbrauchertäuschungen führt, bemängelte einen Zitronenkuchen der Firma Kuchenmeister. Der bewarb seinen Kuchen mit der naturgetreuen Darstellung von Zitronen, obwohl in dem Produkt lediglich Zitronenaroma war. Mittlerweile räumte der Hersteller ein, künftig richtige Zitronen für den Kuchen zu verwenden. vzhh.de
welt.de zeigt auf 74 Bildern irreführende Lebensmittel. Und holt in der Diskussion noch weiter aus, indem die Lebensmittelgruppe mit den häufigsten Täuschungsmanövern beim Namen genannt wird: Light-Produkte. Diese werden häufig mit Wasser gestreckt oder mit Gasen aufgeschäumt, aber zum gleichen Preis wie die Originale verkauft. welt.de
Joachim Ott von testschmecker.de macht sich Gedanken dazu, was denn eigentlich alles zu den Lebensmittel-Plagiaten zählt. Und tatsächlich findet sich in unseren Küchen einiges, was wir auf den ersten Blick gar nicht als solches Plagiat bezeichnen würden. Sein Fazit: Ärgerlich sind nicht die Plagiate an sich, sondern das unwissentliche Unterschieben solcher Produkte.
So unwissentlich wird auch häufig der Seelachs konsumiert, der brüderlich neben dem echten Lachs im Supermarktregal liegt. Der Name Seelachs ist eine Erfindung der Lebensmittelindustrie, da dieser Name als verkaufsfördernder angesehen wird. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Tier um den Köhler, zu den Dorschen gehörend. Der sogenannte Alaska-Seelachs ist ebenfalls kein Lachs, sondern ein Pollack, auch zu den Dorschen gehörend. wikipedia.de
Und wie steht die Politik zu diesem Thema? Öffentlich will Ministerin Aigner für mehr Transparenz und Lebensmittelsicherheit sorgen. Was sie bisher wirklich getan hat (z.B. den Einsatz von Tiermehl zur Verfütterung an Schweine und Hühner wieder erlaubt) und was zu tun wäre, damit kreative Werbeleute die Verbraucher nicht weiter täuschen können, steht bei eco-world.de.
Zum Schluss möchte ich nochmals Horst Klier zitieren, der seine Meinung bewusst provokativ formuliert, damit ein (Um)Denkprozess in Gang kommt: “Ja, wir sind im Keller angekommen. Die Aufmachung und der Preis der Produkte sagt nichts über die Qualität aus. Das Werbekonzept verspricht ein Lebensgefühl, was der Inhalt nicht erfüllen muss. … Da kann foodwatch noch so trommeln, es hören doch nur die zu, die es sowieso schon immer wussten.” und “Die Leute wollen verarscht werden. Niemand will wissen, was wirklich drin ist. … Solange es billig ist, und kein Totenkopfsymbol davor warnt, wird es gekauft. Die anderen essen das doch auch. Würde man radioaktiven Abfall anbieten, auch der würde gehen. Heute nur 29 Cent statt 1,99. Kauf mich.”. leben-ohne-diaet.de