In meiner Kindheit spielte sich das Familienleben grösstenteils in der Küche ab. Die Küche war der wärmste und behaglichste Raum, gemütlich und so unkompliziert. Da gab es keine Verbote und wenn die Kakaotasse umkippte, wurde der Lappen geholt und gut war’s. Kein Gekreische und Gerenne wegen den Flecken im Teppich oder ähnliches.
Kurz gesagt, in der Küche fühlten sich alle wohl und Gäste wie zu Hause.
Für uns Kinder, ich habe zwei Geschwister, war es die normalste Sache auf der Welt, dass wir genauso mit Essen kochten, den Tisch deckten und nachher saubermachten, wie Mama und Papa. Ja, bei uns kochte auch der Papa manchmal mit.
Sossenbinder, Fertiggerichte, Tiefkühlpizza - das alles gab es bei uns nicht. Obst und Gemüse kamen meistens aus dem Garten. Pilze suchten wir uns im Wald, genauso wie Heidelbeeren. Selbst Holunderblüten und -beeren haben wir gesammelt und mit einem speziellen Topf unseren eigenen und superleckeren Holundersaft gemacht. Brot und Brötchen holten wir Kinder mit dem Fahrrad bei Bäckern, die noch ihre eigenen Backstuben hatten. Fleisch und Wurst besorgten die Eltern beim Fleischer (Metzger) oder direkt beim Bauern.
Wir lernten von klein auf, dass Kartoffelbrei selber gemacht wird und nicht aus der Packung kommt. Bolognesesosse machten wir aus Hackfleisch, Zwiebeln, Tomaten, Kräutern und evtl. noch Sahne und nicht aus Hackfleisch und dem Inhalt einer Tüte. Für eine Pizza reichten uns Mehl, Wasser und Öl, etwas Tomatenmark, Salami, Schinken, Käse und Kräuter. Heute reicht dafür der Gang zur Tiefkuhltruhe, Auspacken, ab in den Ofen und dann geniessen.
Geniessen? Nein, danke. Für mich ist das kein Genuss. Mir kann noch so sehr der Magen knurren, ich stell mich in die Küche und koche etwas - ohne Tütenkreationen. Das Zubereiten hat schon einen Sinnlichkeitsfaktor. Ich sehe alle Zutaten, fühle, rieche, schmecke sie. Und ich muss beim Essen nicht raten, was ich mir da gerade in den Mund stecke.
Warum ich das ganze schreibe? Beim Einkaufen im Supermarkt seh ich unweigerlich, wie riesig das Sortiment an Fertiggerichten ist. Und schüttel dann innerlich den Kopf. Es wundert mich nicht, dass wir so viele Übergewichtige haben, wenn Essen nur ein in-sich-reinschieben-von-Nahrung ist, die Mahlzeit in 5 Minuten fertig sein muss, das Geschmackserlebnis auf der Strecke bleibt.
Essen ist für mich nicht nur lebensnotwendige Nahrungsaufnahme, sondern gemeinsam in der Küche stehen, den Tisch schön decken, das Glas Wein dazu zelebrieren, als wäre es ein Schatz, das Essen langsam und mit allen Sinnen geniessen, dann noch ein Weilchen sitzen bleiben und den Tag Revue passieren lassen.