Wie Studien unsere dicken Jugendlichen schlank machen
Mittwoch, den 14. Mai 2008Eine umfangreiche, von der Europäischen Union finanzierte Studie zur Untersuchung des Ernährungs- und Fitnessverhaltens von Jugendlichen kommt zu dem Ergebnis, dass jedes fünfte Mädchen und fast jeder dritte Junge zwischen 13 und 17 Jahren zu dick ist. Und diese Zahlen steigen weiter an.
U.a. wurde bei dieser Studie festgestellt, dass die Mehrheit der Jugendlichen weiß, wie gute Ernährung aussieht, aber sie halten sich nicht daran. Jeder zweite Jugendliche setzt auf Fertigprodukte, bevorzugt Tiefkühlpizza. So kommt Mathilde Kersting (Forschungsinstitut für Kinderernährung der Universität Bonn) zu der neuen (?) Erkenntnis, dass Wissensvermittlung alleine nicht ausreicht, sondern dass Umfeld (Schule, Hort) gesundheitsfreundlich sein sollte.
Wie es wirklich in Schule und Hort mit dem Essen aussieht, hatte ich bereits in dem Beitrag Leben hat Gewicht - eine Initiative, die am Alltag vorbei geht beschrieben. Einzelne Aktionen von interessierten Lehrern und Betreuern reichen eben nicht aus. In vielen Kindertagesstätten (bis 6 Jahre) wird noch auf die Ernährung geachtet. An den Grundschulen bricht das langsam ein. Und an den weiterführenden Schulen verliert sich das grösstenteils komplett.
Natürlich kann die Verantwortung nicht alleine an die Schulen gegeben werden. Das Elternhaus ist genauso gefordert. Aber wie schaut da der Alltag aus? Viele Eltern müssen Vollzeit arbeiten gehen, damit sie die stets steigenden Lebenshaltungskosten finanzieren können. Vor allem Alleinerziehende hetzen vom (Halbtags-)Job zu einem oder zwei 400-Euro-Jobs, weil das Einkommen vorne und hinten nicht reicht. Und so nebenbei lese ich noch die Meldung, dass Biolebensmittel wieder Luxus werden, die Strompreise steigen und die Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel etwas teurer geworden sind.
Auch die Kinder benötigen mit wachsendem Alter mehr Geld. Die Ansprüche werden größer, die Klamotten teurer, da muss ein Handy her und ein PC mit Internet. Das Schullandheim, dass in der Grundschule noch 3 Tage dauerte und mit 40 Euro bezahlbar war, dauert in der 6. Klasse eine ganze Woche und verschlingt 150 Euro. In den höheren Klassen ist es nicht unüblich, dass solche Fahrten ins Ausland gehen und dementsprechend den Geldbeutel noch mehr belasten. Und so schleicht sich Ausgabe um Ausgabe in den monatlichen Etat.
Im Endeffekt sind die Jugendlichen also nachmittags auf sich alleine gestellt, weil es sich die Eltern nicht leisten können, zu Hause zu sein. Eine staatlich organisierte Betreuung gibt es ab den 5. Klassen kaum noch. Privat oder kirchlich organisierte Einrichtungen müssen privat finanziert werden und die Plätze sind knapp. Was bleibt den Jugendlichen also noch, ausser sich selbst eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben? Es wird ja immer betont, dass sie mindestens eine warme Mahlzeit am Tag haben sollten.
Man mag nun einwenden, dass die Eltern mit ihren Kindern doch abends warm essen oder für den nächsten Nachmittag vorkochen könnten. Dem steht auch wieder der Alltag entgegen. An meinen Büro- und Praxistagen komme ich häufig erst um 18 Uhr nach Hause. Da ist noch nichts eingekauft, nichts sauber gemacht, keine Wäsche gewaschen und kein Geschirr gespült. Die Hausaufgaben müssen kontrolliert, Vokabeln abgefragt und alles für den nächsten Tag gepackt werden. Meine Kinder möchten auch noch etwas Zeit mit mir verbringen, kuscheln und den Tag besprechen.
Natürlich könnte ich mich um 21 Uhr hinstellen und vorkochen, damit mein Großer am nächsten Tag keine Tiefkühlpizza essen muss. Aber ich bin keine Arbeitsmaschine. Der neue Arbeitstag beginnt für mich bereits um 5.30 Uhr. Da klingelt mein Wecker. Und auch ich brauche etwas Auszeit, ein wenig Zeit am Tag, in der ich ausspannen und mich etwas erholen kann.
Also doch lieber abends gemeinsam kochen? Das ist für mich auch nicht praktikabel. Die Kleinen und ich selber haben mittags unser warmes Essen. Ich müsste für einen warm kochen und für den Rest normales Abendessen machen. Ein (auch zeitlicher) Aufwand, der auf Dauer ziemlich belastend ist.
Eine Möglichkeit ist durchaus, am Wochenende einfach etwas mehr zu kochen und jeweils eine Portion einzufrieren. Damit wären zumindest zwei Tage gerettet, an denen sich mein Großer ein “richtiges Essen” in die Mikrowelle schieben kann. Was aber nicht funktioniert, wenn wir z.B. am Wochenende selber Burger machen oder Kartoffeln mit Kräuterquark.
Die einfachste Lösung ist wohl tatsächlich, dass an jeder Schule (gegen Entgelt) ein warmes Mittagessen angeboten wird. In meiner Jugend war das so üblich, auch am Gymnasium. Eine telefonische Anfrage dort ergab, dass es auch heute noch so ist. “Meine” Schule hatte sogar eine eigene Küche, so dass kein Essen angeliefert werden musste. Wir Schüler hatten dadurch die Möglichkeit Kochkurse zu belegen, welche mit steter Regelmäßigkeit ausgebucht waren. Gemeinsam kochen lernen macht einfach einen Riesenspass. Als Jugendlicher nachmittags alleine in der Küche stehen und brutzeln ist hingegen etwas, was kaum einer gerne macht.
Es gibt durchaus EU-Staaten, die nicht mit erneuten Studien und Untersuchungen reagieren, sondern ganz einfach in die Praxis gehen. So hat Lettland bereits Ende 2006 den Verkauf von Limonaden, Schokolade und Chips in Schulen und Kindergärten untersagt. Stattdessen werden Trockenfrüchte, Vollkornprodukte, Milch und ungezuckerte Fruchtsäfte angeboten. Auch in Frankreich werden in den Schulen die Verkaufsautomaten für die ungesunden Snacks abgebaut.
Wie machen nun Studien unsere Jugendlichen schlank? Gar nicht! Da wird Geld versenkt, welches z.B. in einem landesweiten Ausbau für Schulkantinen und Speisesäle besser angelegt wäre. Die Erkenntnisse dieser Studien sind nichts Neues. Übergewicht, auch bei Kindern und Jugendlichen, ist kein Problem von gestern oder vorgestern. Das zeichnet sich schon seit Jahren ab. Und was passiert? Es gibt neue Studien und Theorien.
Ich bin gespannt, wie und vor allem wann Deutschland endlich praxisorientiert reagieren wird.






